Reisen

In vollen Zügen

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EIN AUSSCHNITT DES OSTENS

Brandenburg wird unbekannt. Die Nachwuchsgeneration zieht nach Berlin, zum Arbeiten und für den Kontakt zu den Massen. In den kleinen Dörfern und Städten kann man die Effekte der Landflucht begutachten, es gibt Reihenweise verlassene Bauten und sentimentale Ruinen. Manche Dörfer haben eine desolate Wirkung, beim durchqueren kommen einem die alten, bewohnten Häuser neben den verlassenen fast unwirklich vor. Dennoch findet man hier den einen oder anderen Neubau, denn Berlin ist von den Orten mit Bahnanbindung aus in 30 Minuten zu erreichen.

Was unter anderem in Vergessenheit gerät sind die vielfältigen Möglichkeiten für Outdoor-Aktivitäten: so kann man hier Tageswandern durch die flache Landschaft, die Ruinen mittels Urban Exploration Touren erkunden, die 220km Fläming-Skate abfahren oder den Spreewald erpaddeln (okay das ist schon nicht ganz unbekannt).

Wir haben uns diesen Sommer für eine Draisinenfahrt entschieden. Manch einem fällt da als erstes Lucky Luke ein, in der Tat kann man sich auch eine Pumpdraisine ausleihen. Angenehmer ist allerdings die Fahrraddraisine: zwei trampeln, zwei tratschen. Mit mehreren Fahrerwechseln schafft man schon eine ordentliche Strecke von 46 km:

Ich dachte vorher, das Ganze ist langweilig, so durch die Landschaft zu tingeln. Schwer getäuscht, das Fahren ist anspruchsvoll, man kommt angenehm voran und kann sich in der Gruppe immer unterhalten. Brandenburg huscht vielfältig an einem vorbei, alte Bahnhöfe, bestellte Felder, Wälder und Wiesen und manches Dorf wechseln sich ab. An den Kreuzungen (und überall wo kein Bahndamm ist) kann man die Draisine aus den Schienen heben um ein Päuschen einzulegen. Wenn man die richtige Hebetechnik hat, schafft das eine Person alleine. Wir hatten diese zu Beginn natürlich nicht und haben das Gefährt zu viert komplett aus den Gleisen gehoben. Warum einfach, wenn's auch schwer geht ;)

Wir haben einige skurrile Entdeckungen entlang der Strecke machen können, so war da zum Beispiel die eingezäunte Blumenfrau, die einfach so neben der Strecke die vorbeifahrenden Radler beäugt. Oder der alte Bahnhof Sperenberg, der jetzt als Künstlerhaus genutzt wird und auf dessen Wiesen diverse Skulpturen zur Schau stehen. Der alte Bahnhof Kummersdorf, der scheinbar eine kleine Hippie-Kommune beherbergt, die ihren Garten mit allerlei Kram gefüllt haben. Der Autoschrauber, der zwei alte Volvo Kombis zu einem Pool-Car umgebaut hat. Die Gardinen-Lok, der unwohnlichste Klotz, den ich je gesehen habe. Oder die freakigen Fahrräder am Mellensee: ein winzig kleines, ein Penny Farthing und ein Einrad mit Stützrad, welches genial zu fahren war. Ich hätte mich riesig über ein invertiertes Fahrrad zum Ausprobieren gefreut.

DER WIND IN DEN HAAREN

und die Sonne im Gesicht. Landschaftlich ist die Gegend ein Genuss, so relaxend und friedlich. Einer der Vorteile der Landflucht, man ist quasi mit der Natur alleine. Alles ganz unhektisch.

Nach 3 Stunden Fahrt haben wir die Draisine aus den Gleisen gehoben und uns zum Picknicken ins Gras fallen lassen. Kräfte auftanken und viel trinken war jetzt schwer nötig. Gut, dass wir im Überfluss leben, von den mickrigen Blaubeeren dieses Jahr wären wir nicht satt geworden.

Die Draisinenfahrt ist ein exzellenter Tagesausflug. Wir haben so viele Outdoor-Aktivitäten bereits ausprobiert, das hier ist eine ganz andere Erfahrung. Kann ich jedem nur empfehlen!