Reisen

Japan

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Aus Sehnsucht wird Reiselust

Die Realisierung eines jahrzehntealten Traums, eine Reise nach Japan, habe ich mir mit Stephie und einem befreundeten Paar Recht spontan überlegt. Bei unserer Nachfrage mit einem Nebensatz "was haltet ihr von einem Japan Urlaub" kommt direkt die Antwort, dass die Planung bereits lange in der Schublade wartet. So wird direkt beschlossen, wir fliegen nach Japan!

Abreise abgesagt

Wenn am Montagmorgen der Flug geht, bleibt das ganze Wochenende zum Ausruhen. Was soll auch groß mit dem Flug sein? Schließlich haben wir wochenlang alles minutiös geplant. Kurz nochmal den check-in probiert, ob es schon funktioniert und... "Your flight has been cancelled." Das war's mit der Ruhe. Airline angerufen, Personal streikt. Flug am nächsten Tag sei möglich. Das ruiniert natürlich die ganze Planung, Hotels müssen kontaktiert werden, Zeitpläne überarbeitet, geplante Ziele können nicht erreicht werden... Stress pur!

Die Heldin von JTB

Ich habe meinen Flug für Dienstag zwar bekommen, am Montagmorgen aber nochmal mit dem Reisebüro gesprochen. JTB Düsseldorf muss man wirklich loben, die Sachbearbeiterin hat sich richtig ins Zeug gelegt und mir als ihren ersten Kunden der Woche mein unglückliches Ticket storniert und ein neues bei einer anderen Airline besorgt, mit Zwischenstop in Hong Kong. Einen Flug zu buchen, mit Wunschplatz, dessen Abflug in ein paar Stunden ist, fühlt sich komisch abenteuerlich an. Die gute Vorbereitung zahlt sich aus, nach dem Telefonat greife ich meine gepackten Taschen und direkt zum Düsseldorfer Flughafen fahren. Außer grauen Haaren hat mich der Streik also nichts gekostet. Top!

Holpriges Jetsetting

Ich bin das erste Mal mit Cathay Pacific geflogen und bin zuerst begeistert von den großen Fenstern, der Beinfreiheit in der economy class und dem Entertainment Angebot. Die Speisen können sich ebenfalls sehen und schmecken lassen, reichlich und lecker ist es. Es gibt auch jederzeit gratis Getränke und Cup noodles wenn man noch Hunger verspürt.

Die Ernüchterung folgt, wenn ich bei meinem ersten Film entspannen will: die Displays sind viel zu schwache Android Tablets, die jede paar Sekunden das Audio und Video stocken lassen. Die Wiedergabe ist so eingeschränkt, dass ich selbst mit Untertiteln ganze Sätze verpasse. Das Problem besteht selbst bei simpler Musik, und die Playlist Funktion schaltet nach einem Track ab, da das Tablet in den sleep mode wechselt. Da bleibt also nur eins: irgendwie bequem machen und schlafen, gegen den Jetlag.

In Hong Kong landen wir um 6 Uhr Ortszeit, direkt in den dicken Nebel. Der Airport ist absolut gigantisch. Ich muss schon etwas lachen, wenn ich die Dimensionen von FRA und BER vergleiche. Infrastruktur in der Größenordnung werden wir in Deutschland wohl nie sehen werden.

Osaka―Kyoto

In KIX angekommen bedanke ich mich bei meinem früheren Selbst, denn alles läuft reibungslos. Auf der Fahrt nach Kyoto sehe ich den sozialen Umgang der Japaner, die Schaffner begrüßen das Abteil mit Verneigung und ziehen die Mütze. Wenn sie ein Abteil verlassen, verneigten sie sich nochmals. Mein Blick streift über Berge und die Stadt, welche sich ins unendliche zu strecken scheint. Eine Stunde lang fliegen draussen konstant Gebäude Kreuz und quer vorbei. Dreckig und abgewetzt, selbst bei Tage kam mir das Cyberpunk Blade Runner feeling. Man kann hier die Inspiration klar sehen. Die Hochhäuser verschieben sich im Parallax hintereinander, und egal wohin man blickt, es finden sich neue Details. An einem winzigen Bahnübergang mit einer Plexiglasbude wacht ein JR Angestellter. Jede Fassade ist irgendwo kaputt und wurde über die Jahre repariert. Kabel strecken sich durch die Luft und schaffen weitere Ebenen. Hier scheint es keine Aufsicht für ein Stadtbild zu geben, was ironischerweise zu einem viel interessanterem Stadtbild führt. Alles hat eine Identität, jeder macht Seins so wie er kann und will. Nichts scheint vorgegeben, außer die sozialen Normen: egal wie klein der Platz, jedes Haus hat irgendwo, sei es in der Gasse oder auf einem mini Fenstersims, Pflanzen stehen.

Morgens in der U-Bahn der einzige Westener zu sein fühlt sich seltsam erfrischend an, denn alle staren die große weiße Langnase an. Um mich dudelt, piept, zirpt und pingt es. Die Ampeln zwitschern, die Bahn Gates pingen, die Automaten dudeln, die Durchsagen läuten, die Geschäfte plärren Musik... es fühlt sich nicht anstrengend an, eher wie ein aufregender Rausch des Neuen.

Kyoto Station

Es geht morgens früh los. Um 7 Uhr aufstehen, fertig machen, nach Kyoto Station fahren um die Freunde zu treffen. Ich verspüre keine Anzeichen von Jetlag, früh aufstehen ist kein Problem. Das fertig machen dauert dann doch länger als erwartet, trotzdem bin ich schneller als gedacht in Kyoto Station. Die Bahnen sind halt alle immer absolut pünktlich!

Die Station ist der Hammer. Man kann es fast nicht mehr Station nennen, so vielfältig ist hier das Angebot. Geschäfte, Restaurants, eine ganze Etage für Ramen Nudeln und ein Bäcker, der auch Kaffee anbietet.

Das Gebäude hat 10 Etagen und nochmal 2 im Untergeschoss. Unterwegs sehe ich noch einen betrunkenen Salary Man, der total fertig auf die Knie rutscht. Ganz oben auf dem Dach ist den Happy Garden angelegt, der anscheinend wegen seiner Abgelegenheit zum make-out Spot erkoren ist. Morgens sitzen da aber nur die Japaner, die in Ruhe ihren Kaffee trinken.

Mein erstes Frühstück ist ur-asiatisch: Croissants, Schinkengebäck und medium coffee. Heute geht es in Richtung Koyasan, da werde ich dann die volle Packung Tradition erleben. Auf der Zugfahrt fällt mir wieder auf, wie solide die Japaner mit ihrem Umfeld umgehen. Nicht nur ist alles wie geleckt sauber und frei von Graffiti, es ist auch viele alte Infrastruktur instand gehalten und wird weiter benutzt. Die Taxen, Ampeln, Bahnen und Stationen sehen aus wie aus den 70ern, mit frischem Anstrich und Funktion. Ähnlich wie die Gebäude. Warum ändern wenn es funktioniert? Das zeigt den Charakter Japans.

Tradition in den Bergen

Die Fahrt nach Koyasan ist hochspannend, da wir verschiedene Tickets für verschiedene Bahngesellschaften in der richtigen Reihenfolge in die Gates schieben müssen, um in der Hektik des richtigen Zug findens rechtzeitig am richtigen am Gleis zu sein. Selbstverständlich sind die kleinen Tickets ausschließlich mit Hiragana Zeichen bedruckt. Und jah nicht die ICOCA Karte benutzen, sonst zahlt man ordentlich drauf. Dann bleibt ein Ticket auch noch stecken, so dass direkt ein Bahnangestellter die Maschine öffnen muss und uns das blockierte Ticket zurück gibt.

Das letzte Stück der Strecke bis zur Kiihosokawa Station ist ein Erlebnis an sich. Entlang des Berges mit einer tiefen Schlucht auf der einen Seite, geht es gemütlich durch viele Tunnel und vorbei an herrlichen Ausblicken in die Täler.

Idylle der Einsamkeit

Am Start unserer Wanderung ist direkt an der Station wieder das japanische mindset zu sehen: am Gleis gegenüber steht der Aufseher und deutet in beide Richtungen um zu prüfen, ob das Gleis sicher ist. Niemand ist auf seiner Seite ausgestiegen und die Station sieht vielleicht einen reisenden pro Tag. Trotzdem wird gewissenhaft gearbeitet. Wir betrachten noch die improvisierten Katzenboxen und wandern los.

Das Wetter war auf unserer Seite, kein Regen und milde Temperaturen. Da es aber stetig bergauf ging kamen wir schnell ins schwitzen. Kurz Klamotten anpassen und weiter.

Hier im ländlichen, bergischen Japan gibt es wenige Bewohner, und noch weniger Touristen. Wir sehen erst am Ende unserer Wanderung wieder Menschengruppen, eine einzige Wanderin kreutz unseren Weg im Wald. Dafür gibt es einige Schilder, die vor Bären warnen. Wir haben eine Bärenglocke dabei, die am Rucksack bei jedem Schritt ordentlich krach macht. Ob sich die Bären wirklich davon beeindrucken lassen ist fraglich, dazu gibt es einen guten Witz: Bären sind in der Nähe, wenn ihr Kot nach Pfeffer riecht und sich kleine Glöckchen darin finden lassen.

Nach 3 sehr anstrengenden Stunden durch eine bildschöne Landschaft sind endlich die letzten 3 Stufen zu erklimmen, um dann plötzlich vor dem imposanten Daimon Gate raus zu kommen, welches am westlichen Ende von Koyasan steht. Die Last des Wanderns fällt von uns ab, denn wir haben Koyasan erreicht.

Wallfahrtsort Koyasan

Beim Schlendern durch die Straße (Koyasan ist nicht so groß) nehmen wir noch 1-2 Fotos mit, bis wir vor unserem Tempel stehen. Jokiin ist für heute unser Zuhause.

Allerdings muss man da erstmal durchblicken, denn eine Rezeption oder Hinweisschilder oder andere Menschen scheint es hier nicht zu geben. Als wir uns endlich dreist genug fühlen, gehen wir einfach irgendwo hin auf dem Areal und werden auch direkt von der überaus netten Verwaltung für die Formalitäten eingesammelt.

Nach einer kurzen Führung durch das Bilderbuchgelände ruhen wir uns im Zimmer unter der Heizdecke am Tisch aus und nehmen das japanische TV unter die Lupe. Klischee bestätigt: Gameshows, Anime, Ninja Warrior und viel "EEEEHHH???" und "OOOOUUHH!". Herrlich.

Dann kommt plötzlich das Abendessen und wird von schüchternen Mönchen in unserem Zimmer aufgebaut. Wir haben 2 Räume für 3 Personen gebucht und die Verwaltung nimmt an, dass 4 Personen anreisen, daher bringen sie uns auch 4 Mahlzeiten. Jackpot. So viele Schüsselchen und Schälchen! Jeder Bissen war etwas neues, bis auf den Reis. Wir haben uns nach dem harten Tag verdient die Bäuche voll geschlagen.

Zufrieden gesättigt ziehen wir nochmal los, um Koyasan im Dunkeln zu erkunden. Wir schaffen es bis zum Friedhof, dann brechen wir aber ab, weil wir doch einfach viel zu fertig sind und lieber alles im Tageslicht sehen wollen. Zurück im Jokiin Tempel besuche ich noch das Badehaus, um die Verspannungen im Rücken und in den Beinen zu entspannen und um die japanische Art des duschens auszuprobieren. Gerade als ich rein kam kommen mir 3 Mönche entgegen, die sich belustigt über den nackten Europäer wunderten, der da ins Bad kommt.

Die Japaner haben es verstanden, wie man Wellness in den Alltag bringt. Erst mal gibt es ordentlich Platz zum Waschen, man stößt nicht an die Wände wie in einer Dusche. Dann ist das Wasser um die 40 Grad heiß, der ganze Raum ist daher voller Dampf und sehr angenehm warm. Es steht auch reichlich Seife und Shampoo zur Verfügung, man muss nicht sparsam sein, auch nicht mit dem Wasser.

Nach dem Waschen mit dem rauhen Tuch geht man zum Entspannen in das Becken, das mit 44 Grad heißem Wasser gefüllt ist. Zuerst ist es recht schwer sich an die Hitze zu gewöhnen, aber wenn man erst mal drin ist will man gar nicht mehr raus. Aahhh. So kann ein Tag ausklingen.

Am nächsten Morgen gehen wir um 5:45 Uhr früh zum Morgengebet. Im Tempel ist es bitterkalt, und die Mönche sitzen da in ihrer dünnen Kutte. Wir erleben eine interessante Zeremonie, in der die vielen Gottheiten des Buddhismus zu unterschiedlichen Wünschen und Bitten einzeln angebetet werden. Durchgefroren und müde können wir unsere Aufmerksamkeit leider nur schwer auf das Gebet richten.

Zurück auf dem Zimmer steht schon 4x Frühstück bereit, das wir am Heizdeckentisch verputzen. Wieder ein irres Angebot, so viele unterschiedliche Dinge, die ich noch nie gegessen habe. Nach dem Frühstück hole ich noch schnell meinen ersten Tempelstempel und los geht es in der Morgensonne in Richtung Friedhof Okunoin-sando.

Okunoin-sando

Wieder eine Superlative. Giant Redwood Bäume ragen 50 Meter in den Himmel, mehrere Stämme wachsen aus einer riesigen Wurzel, und spalten sich auf halber Höhe in mehreren Bäume. Moosbedeckte Grabsteine, fantastisch anders als unsere in Europa. Steinerne Tori Gates, große und kleine Steine. Natürliche Wurzeltreppen führen zu abgelegenen Arealen mit uralten und auch frisch gepflegten Gräbern. Viele Figuren und Steine sind dekoriert mit Schürzen und Mützen, was für ein verstorbenes Kind steht. Kaum ein Mensch außer uns ist zu sehen. Eine völlig etherale Atmosphäre. Ich würde mich nicht wundern, wenn hinter der nächsten Wurzel ein Kodama auftaucht.

Mit dem Bus ging es zur funicular Station, über eine kurvige enge Straße direkt am Hang, von der wir versuchten, unseren Wanderweg zu sehen. Ausgerechnet hier ist das einzige mal, dass wir wilde Tiere sehen: Rehe.

Die Rückfahrt ist lang und langweilig, mitten im Berufsverkehr müssen wir lange Strecken in der Bahn stehen. Zurück in Kyoto geht es noch zum Ramen Essen und dann ab nach Hause ins Bett.

Allein durch das philosophisch-pinke Kyoto

Heute morgen erfülle ich mir einen weiteren, viele Jahre alten Traum. Ich bin früher, als street view noch neu war, stundenlang durch japanische Gassen gefahren und habe die Details aufgesogen. Jetzt stehe ich hier, in genau so einer Straße, und schaue den Kindern zu wie sie in Uniform zur Schule gehen. Die Morgensonne wärmt mich in der kühlen Luft. Radfahrer radeln vorbei, es ist still hier in der Großstadt. Auf der Suche nach einem Cafe bin ich im inoda gelanded, das anscheinend einen guten Ruf hat. Leckerer Kaffee und ein tempura Brötchen mit Krautsalat, Frühstück für Champions. Los gehts zum großen eigenen Tag durch Kyoto.

Die Äußerung der japanischen Harmonie überrascht mich immer wieder: Der Busfahrer fährt in Uniform und Handschuhen und warnt die Fahrgäste über sein Headset, wenn er anfährt. Er warnt vor Kurven. Er sagt alle Stationen zusätzlich an und wiederholt die Durchsagen für vorne und hinten. DAS ist Respekt in der Öffentlichkeit. Unterwegs hält mich ein älterer Herr auf seinem Fahrrad an, Takana sein Name, er übt sein Englisch an mir. Eine Jungs-Schulklasse kommt angerannt als sie mich sehen, auch sie üben ihr Englisch an mir. Danach kam eine Mädchenklasse, auch zum üben. So wie ich es verstanden habe spielen die Kinder ein Spiel; derjenige, der die meisten Touristen anspricht gewinnt.

Ich entdecke Tempel nach Tempel, und alle sind irre schön. Um die Zeit ist auch noch kein anderer da. Meine Route durch Kyoto funktioniert, ich bin im Himmel der kleinen Straßen.

Nach dem Essen (yum) und dem Willkommensgeschenk für Stephie shoppen bringt mich der Bus zurück nach Hause. Die Fahrt fühlt sich für mich inzwischen auch nach Alltag an, ich freue mich über die Erleichterung, die für mich in Japan angekommen ist.

In der Unterkunft gibt mir mein Host Taiki viele hilfreiche Tipps für gute Locations zum Essen und entdecken. Die Verständigung ist nicht immer einfach. Ich muss schmunzeln, als er nonchalant hinter sich greift und mir mit einem Kalligraphie-Stift Notizen auf einem Taschentuch macht. Mit frischen Infos und Karten fahre ich los nach Shijo Karasuma. Beim Fahrerwechsel im Bus verneigt und verabschiedet sich der gehende vor den Gästen, der kommende begrüßt alle und fährt sofort weiter. Ich kann nicht aufhören das zu feiern.

Halb 8 und ich esse Ramen in einem winzigen Restaurant, in einer Seitenstraße, in das sich sonst keine Touristen verirren. 3 Jugendliche schauen verstohlen belustigt zu mir rüber, ich bin hier die Attraktion. Das Essen ist wie erwartet super lecker, und eine riesengroße Portion. Dazu ein Humpen dünnes japanisches Bier. Der Abend ist komplett!

Europäische Verstärkung

Stephie kommt heute gegen Mittag in Kyoto an. Ich warte mehrere Züge lang auf sie, wie verabredet in der Kyoto Station Main Hall. Als sie ankommt nimmt sie mich in dem Gewusel und im Stress mit den Ticket Gates erst gar nicht wahr. Die Wiedervereinigung ist herzlich, wir finden uns endlich nach 12000km Trennung im fremden Land wieder. Koffer wegbringen, das empfohlenen Udon Restaurant ausprobieren und direkt weiter zur Kyoto Art University, die Tickets für den Maiko Dance einlösen. Die Vorführung ist aus der ersten Reihe wunderschön anzusehen, die Kostüme, die Szenerie; nur verstehen können wir nichts. Es geht irgendwie um Götter und Jahreszeiten.

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Zurück an Kyoto Station besuchen wir noch den großen Tempel Higashi Honganji. Weiter zur Nishin Shopping Street, Tonkatsu essen und etwas bummeln, dann ab in die Unterkunft und endlich schlafen.

Quer durch die City

Am nächsten Morgen stehen wir spät auf und ziehen los auf die Suche nach Frühstück. An der Kyoto Station essen wir dann europäisch. Heute steht eine Radtour auf dem Programm, westwärts nach Arashiyama. Kyoto wirkt ganz anders auf dem Fahrrad. Bei knallender Hitze geht es über eine Stunde lang durch den Verkehr, auf den klapprigsten Fahrrädern. Eine geniale Tour!

Arashiyama

An Arashiyama ist es wie erwartet ultra voll, die Touristen quellen auf die Straße und nehmen diese in Beschlag. Wir laufen durch die Massen zu diversen Tempeln, je weiter wir gehen desto weniger Touristen sind zu sehen. Hier ist einer der schönsten Tempel versteckt: Nison-In, mit der langen Treppe und der tollen Allee. Im Tempel geht es auch weiter den Berg rauf zu einem alten Friedhof, es war außer uns kein Mensch zu sehen. So eine friedliche Idylle nach der lauten stadt ist ein Segen. Unsere Stimmung ist ausolut ausgeglichen und glücklich. In der Ferne sehen wir den Kyoto Tower, wo wir gestartet sind.

Tempeltouring

Weiter geht es auf der Suche nach Gio-ji, dem Moostempel. Wir betreten erst den falschen, welcher trotzdem schön ist. Kurz durchs Museum, eine kleine Geschichte angehört und weiter den kurvigen Weg rauf. Das deutliche Schild weist uns den Weg, endlich sind kommen wir am Moostempel an. Die Szenerie ist unwirklich schön, wie im Märchenwald. Wir haben auch Glück mit dem Wetter und der Blüte. Verzaubert träumen wir den Weg zurück zu den Fahrrädern von Kodama, Totoro und Miyazaki.

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Mit dem Rad klappt der Rückweg fast wie von selbst, die Orientierung fällt uns leicht. Nach langer Fahrt zu Honen-In, der bereits geschlossen war, geben wir die Fahrräder brenzlig knapp vor der Schließzeit beim Verleih ab. Noch schnell was essen und ab ins Bett.

Wir starten früh am nächsten Morgen, es geht direkt los zu Fushimi Inari, der Tempel mit den 5000 roten Tori Gates. An der Station sind bereits ganze Bahnladungen Menschen unterwegs. Je höher man geht desto weniger Touristen trifft man an. Unten sind tausende Touristen, oben nur eine Handvoll. Wir erklimmen alle Stationen und finden am Gipfel einen Fakt Japans vor: egal wie abgelegen, es steht ein Getränkeautomat bereit.

Unsere Zeit in Kyoto wird vom Regen beendet, morgen geht es mit dem Shinkansen in die östliche Hauptstadt.

Gigantisches Tokyo

Tokyo ist anders als Kyoto, welches dagegen wie eine Kleinstadt wirkt. Massiv größer, schneller, komplizierter. Wir verstauen unsere Koffer und starten in den ersten Abend mit dem Einchecken im Capsule Hotel. Zum Essen geht es erst in ein Restaurant, das in der letzen kleinen Gasse liegt, total unscheinbar und versteckt. Hier sitzen wir erst direkt am Grill, bemerken aber dann, dass das Essen 50€ pro Person kosten würde und suchen schnell das Weite. Letztendlich steigen wir in einen Kellereingang herab, in dem wir in einer winzigen, verrauchten Bude 4 Gerichte plus Bier verzehren. Die Verständigung ist sehr abenteuerlich, die Kellner verstehen kein Wort Englisch, wir kein Wort japanisch. Am Ende sind wir trotzdem alle satt.

Am nächsten Morgen starten wir durch diverse Parks und dem Stadtteil Shibuya. Diese kleinen Oasen sind eine erfrischende Abwechslung von der lauten Metropole. Eine lange Tour durch den Westen steht an. Wir besuchen den Yoyogi Park (die Rockabilly Möchtegerns können gar kein Rock'n'Roll tanzen!) und schlendern abends durch Akihabara, Neon-Tokyo bestaunen.

Weiter. Durch Parks, interessanten kulinarischen Erlebnissen und viel spazieren. Ich konnte noch 1-2 Tempelstempel abstauben und viele Fotos machen. Abends verabschieden sich die Mädels ins Kabuki Theater und wir in die riesigen Spielhallen zum abnerden.

Mittwoch, Ueno Park. Hier beobachten wir eine große Gruppe Jugendlicher, wie sie ein uns zuerst unklares Spiel spielen. Wir schlüsseln es auf als Gruppen-Pantomime. Sieht sehr spaßig aus :) Nach dem Park treibt es uns zur berühmten Shibuya crossing und in das Metropolitan Government Building Observatory Deck im 45. Stockwerk. Wir kommen zur goldrichtigen Zeit an, es geht gerade die Sonne unter und wir können Mount Fuji sehen, und die Lichter der endlosen Stadt in der Dämmerung.

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Essen wollen wir heute in der Piss Alley, eine super enge Straße, die an die Kowloon Walled City erinnert. Rauchige Grills, viele Japaner, winzige Restaurants. Wir suchen uns irgendeins mittendrin aus, in dem wir sehr unhöflich von den Japanern behandelt werden. Echt untypisch entgegen der bisherigen Erfahrungen, aber hier sind Touristen einfach nicht willkommen. Hier sollen die Salarymen bitte ihr hartverdientes Geld versaufen. Zu Essen gibt es 4 Spieße für jeden und ein geteiltes Glas Cola. Noch schnell ein paar Fotos gemacht und ab ins Hotelbett.

Heute ziehen wir zu zweit los, zum Tokyo Tower und den Imperator Palast. Der Tower ist leider under construction, wir können nur bis zur Mitte rauffahren. Der Ausblick ist trotzdem genial, die Stadt ist immer eine Wucht. Bis zum Horizont in alle Richtungen nur Stadt. Sogar den Fuji kann man durch den Dunst leicht erahnen.

Im Park dahinter erkunden wir in aller Ruhe einen kleinen Schrein und ergattern einen Tempelstempel. Dort liegen auch Zettel aus, auf denen man vorgezeichnete Schriftzeichen kalligrafisch schreiben üben kann. Am Tempel stehen auch hunderte kleine Statuen, die zum Gedenken an verstorbene Kinder angebetet werden. Alle mit Mütze, Schürze und Windrad.

Der Imperial Palace mit seinen Garten ist zwar riesig, aber echt lieblos gestaltet. In Kyoto ist der Park um Längen schöner. Wir klappern noch ein paar Schreine ab und ruhen uns im Hotel aus.

Am Abend starten wir Richtung Akiba, zum Essen und Karaoke. Man bekommt am Eingang Kostüme und kann sich Speisen in die booth ordern. Das japanische Karaoke mit den private booths ist echt spaßiger als unseres in Deutschland. Man ist unter Freunden und kann singen, was man will. Die Mikrofone haben sogar Autotune, niemand klingt heute abend mies :D Mit dem restlichen Geld des Tages vergnügen wir uns mit Trommeln in der Spielhalle und fallen totmüde ins Bett.

Heute morgen verabschieden wir nach dem gemeinsamen Frühstück die Freunde und ziehen los nach Asakusa. Wir streifen durch den Park zum Senzo-ji Tempel. Hier ist in den Marktstraßen davor die Hölle los, alles ist voll mit Menschen. Ich ergattere hurtig im Tempel einen Stempel und wir bummeln weiter durch die engen Gassen. Am Fluss Sumida fahren wir mit einer Fähre runter zum Daiba Park, was sich als Fehler rausstellt, denn da unten gibt es am Tage nichts zu sehen. Nach langem Umherirren und erfolglosem Besuch der Hamarikyu Gardens (gerade eben geschlossen) kommen wir zufällig an der Ghibli Uhr vorbei und erkunden die tollen Gassen sowie dem Nakagin Capsule Tower.

Nach einer wohlverdienten Ausruhpause im Hotel fahren wir wieder los, zuerst zur Shibuya crossing, die Menschenmassen beobachten. Dann zum Golden Gai, ein Restaurant suchen. Da es hier aber wie in der Piss Alley scheinbar nur Bars gibt, fahren wir weiter nach Shinjuku auf der Suche nach einer Empfehlung. Letztendlich landen wir an der Theke eines sehr urigen Lokals namens Tenkaippin, in dem das Essen auch noch sehr lecker ist.

Wir haben alle großen Sehenswürdigkeiten in Tokyo gesehen, jetzt bleibt scheinbar nur noch das Vertiefen in das, was die Stadt am besten kann: Konsum. Das ist aber für uns im Urlaub nicht interessant, daher fahren wir raus zum Tokyo Metropolitan open air Museum. Hier stehen alte Häuser, die von ihrem Originalplatz hier her geschafft wurden. Die Anlage ist sehr schön, jedes Haus erzählt eine andere Geschichte. Es wirkt fast wie in einer Wildwest-Kulisse. Das Epizentrum der Tetriswelt, die Spielhalle Pier21, ist in der Nähe, allerdings spare ich mir den Besuch. Ohne Sprachkenntnisse kommt man da eh nicht weit.

Zurück im Hotel packen wir die Taschen so weit, dass wir morgen entspannt zum Fuji fahren können und alles wenige, was wir brauchen schon vorbereitet ist. Abends haben wir im Xian chinesisch gegessen und ruhen uns früh aus für unsere morgige Radtour am Fuji.

Mount Fuji und die five lakes Region

Am heutigen Morgen ergattern wir, nach einem kurzen Abstecher zum Bäcker, im Bus nach Kawaguchiko die besten Plätze. Ganz hinten, mit der größten Beinfreiheit, geht es in 2 Stunden zum Fuji. Wir haben Glück, denn das Wetter scheint mitzuspielen.

Die Frau beim Bäcker wirkt wie so viele Servicekräfte in Japan roboterhaft: sie begrüßt uns jeden Morgen gleich, mit der selben Betonung ihrer japanischen Worte. Sie spricht kein Wort Englisch, wir keins Japanisch. Ich habe einen Reisebericht gelesen, in denen der Autor das Roboterverhalten mit Tokyo an sich erklart: Absolut alles in der Stadt ist darauf ausgelegt, Geld zu verdienen oder Geld auszugeben.

Am Fuße des Fuji leihen wir uns Fahrräder und fahren blindlinks los, wir werden ja schließlich wieder da ankommen wo wir starten, wenn wir den See immer links von uns halten. Die Szenerie ist auch hier Bildschön, und wie bei allen japanischen Touristenattraktionen finden sich kaum noch andere Touristen, wenn man sich auch nur kurz in die Gegend vertieft.

Die paar öffentlichen Parks und Plätze haben wenige Bänke und viele Verbotsschilder, damit auch jah niemand auf die Idee kommt die Harmonie der Gesellschaft, das Wa, zu stören. Ich hoffe später mal eine größere Rundreise durch Japan machen zu können, um dieses so schöne Land in mehr Facetten kennen zu lernen. Dann führt auch kein Weg am japanisch lernen vorbei, denn ganz ohne ist man wirklich oft aufgeschmissen.

Am Abend fahren wir mit dem Bus zurück nach Shinjuku, von dort kriechen wir nur noch ins Bett.

Sayōnara Nihon

Der Rückflug erfolgt ziemlich normal, einzig der Alitalia 777 merkt man das Alter an. Viel zu kleine Displays, veraltete Bedienung und keine aktuellen Filme. Die Beinfreiheit ist allerdings recht gut, da hat Airberlin weniger.

Der Kulturschock ist in Rom viel größer als in Hong Kong oder Japan. Laute Italiener, alle rennen hektisch durcheinander. Viele füllige und rücksichtslose Menschen. Ich merke erst hier, wie unsichtbar und angenehm das Wa in der japanischen Gesellschaft gelebt wird. Nach dem langen Flug ist die Stimmung auch auf dem Tiefpunkt, wir müssen auch noch den kompletten Flughafen durchqueren auf der Suche nach unserem Gate B14.

Wir kommen gegen Mitternach in Düsseldorf an, wo nur noch ein einziger Zug nach Köln fährt. Den müssen wir kriegen, oder am Bahnhof nächtigen. In der letzten Minute habe ich noch das Ticket aus dem Bahnautomaten bekommen. Ich merke belustigt wieder: auch das können die Japaner besser!

Diese Fotos wurden aufgenommen mit der Fuji X-T2 und dem 16mm/f1.4, 23mm/f2 und 50mm/f2.
Bill Wurtz hat etwas über Japan zu sagen.