Reisen

Kurvig cruisen

76 Fotos   Sieben Minuten Lesezeit

Ein guter Start

Um 4:50 Uhr in den Flieger steigen und um 6:50 Uhr den Urlaub beginnen ist meine Definition von "time well spent". Gestern noch im fensterlosen Büro gearbeitet, heute schon Frühstücken am Mittelmeer. Unsere Reise beginnt aber erstmal mit Erstaunen über unseren Taxifahrer in Köln, der den Weg zum Flughafen nicht kennt. Ich lotse ihn die 7 Minuten Fahrt zum Flughafen und wir starten pünktlich nach Sardinien.

Den sardischen Norden erfahren

Wie immer sitze ich am Fenster, um ein paar Fotos der Landschaft im Morgenlicht von oben zu ergattern, und wie immer scheine ich mich bei der Reservierung für die falsche Seite vom Flugzeug entschieden zu haben.

Gelandet in Olbia schnappen wir uns unser Auto von AVIS und wollen direkt los nach Alghero fahren. Wir bekommen ein Upgrade, da unser Wunschwagen nicht verfügbar war. "Ist der neue denn größer als ein Opel Adam?" Schließlich wollen wir durch die engen italienischen Gassen fahren und es leichter haben mit den Parkplätzen. "Jaja, der Nissan Juke ist nicht viel größer." Naja. Der Wagen kommt frisch aus dem Werk, der hat erst 10 Km auf dem Tacho. Wir haben unbegrenzte Kilometer gebucht, und werden die in den nächsten 10 Tagen ordentlich verheizen. Ich habe gebucht über ADAC bei AVIS, was unglaublich entspannt ist: 2 Seiten Vertrag, wenig Text, Null Blahblah mit dem Vermieter. Am Ende haben wir 1156 Km zurück gelegt. "Hier ist der Schlüssel. Viel Spaß!"

Taschen rein, Navi an und direkt verfahren. Die Straßenführung rund um den Flughafen ist verwirrend, und Here Maps scheint nicht die beste Wahl für Sardinien zu sein. Also kurven wir erst mal eine Weile entlang einsamen Landstraßen bevor wir wieder auf die Autobahn fahren.

Die sardischen Straßen sind stark zerlöchert, da macht es keinen Unterschied ob Autobahn oder Landstraße. Da die Italiener eh fahren wie sie wollen fällt unser ständiges Ausweichen auch nicht weiter auf. Nur kriechen wir anscheinend zu langsam durch die engen Kurven. Die Verkehrsführung haben wir bis heute nicht verstanden, es waren ständig Schilder aufgestellt, die 50 Km/h und Überholverbot angezeigt haben, selbst auf Straßen, auf denen das in keiner Weise nötig wäre. Bei einer Fahrt werden wir von den Carabinieri überholt, an einer Stelle wo wir laut den Schildern schon zu schnell waren. Ab da haben wir die Regeln auch lockerer gesehen.

Alghero und Grotta di Nettuno

Angekommen in Alghero haben wir direkt Glück mit dem Parken, was sich über unseren ganzen Aufenthalt weiter so ergibt. Das freut den Urlauber! Wir erkunden die Stadt, beziehen unser AirBnB und fahren später weiter zur Grotta di Nettuno.

Wir freuen uns über die wahnsinnige Aussicht auf der Landzunge. Die Touristen, die uns schwitzend entgegen kommen, sehen dagegen total abgekämpft aus. Es sind wohl doch ein paar mehr Stufen als wir bisher sehen können!

Zurück in Alghero ruhen wir die Anstrengung des Tages bisher aus und machen uns frisch für die Erkundungstour bei Nacht. Hunger haben wir natürlich auch, unsere knurrenden Mägen führen uns zum Glück gleich in ein sehr angenehmes Restaurant. Mit leckerer Pasta und einem kalten Bier startet der Urlaub perfekt. Nach einer kleinen Verwechslung der Bedienung von "A beer, please" / "The bill, please" lernen wir die italienische Art um die Rechnung zu bitten: "Il conto, per favore".

Naturalghero 4x4 Tour

Am nächsten Tag chillen wir in einer Strandbar bei Massive Attack, bis wir gegen 2 auf unsere Guides für den Tag treffen: Christine und Francesco von Naturalghero. Mit dem LandRover geht es über holprige Hirtenstraßen die Berge rauf und runter, zu Aussichtspunkten, wilden Pflanzen am Wegesrand, archäologischen Ausgrabungen, der Korkproduktion und große Geier gucken. Wir sind total begeistert von der Tour und wie sich die Persönlichkeiten unserer Guides ergänzen: der ruhige sardische Naturkenner und die aufgedrehte Studentin, die uns zu allen Dingen etwas spannendes erzählen kann. Es gibt spielerisch viel zu lernen und zu sehen, die Routen sind wunderschön, es macht einfach Spaß.

Die Nuraghe Zivilisation ist schwer beeindruckend und uns bisher absolut unbekannt. Stein auf Stein haben sie vor ca. 4000 Jahren ihre Dörfer und Türme gebaut, einige davon waren bis zu 3 Etagen hoch. Alles ohne Mörtel oder Zement, denn die Römer kamen erst später nach Sardinien. Über die Ägypter gibt es tausende Theorien, wie sie ihre großen Steine durch die Wüste bewegt haben. Bei den Nuraghe kommt dazu, dass Sardinien komplett aus bergigem Terrain besteht. Es muss also eine Technologie existiert haben, mit der sie die riesigen Felsen über weite Strecken und Höhen bewegt haben. Leider gibt es kaum Aufzeichnungen, die klare Hinweise auf die Technologie der Zivilisation geben. Heute muss alles von Archäologen mühselig rekonstruiert werden.

Mittelmeerlandschaft genießen

Wir erhalten noch eine Menge Tips von den Guides und wandern am nächsten Tag zum Foresta Demaniale Le Prigionette. Wir erkunden die Natur und kommen an einer Klippe zu einer großen Bucht raus, durch die wie bestellt ein Segelboot für mein Foto fährt. Danke! Das Feeling hier ist ähnlich wie in Kroatien, ich mag Felsen am Meer einfach.

Am Abend gönnen wir uns einen halben Meter Pizza und genießen nochmal die urige Altstadt.

Bunt in grau

Wir erwachen bei Regen, der an unser Fenster prasselt. Es sollte jetzt eigentlich bei herrlichem Morgenlicht die Küstenstraße runter nach Bosa gehen. Aber mit dem Wetter verlängern wir das Frühstück etwas und fahren widerwillig los. Auf der schön verregneten Straße herrscht typisches Gedrängel, es ist einfach unentspannt wenn das Wetter nicht mitspielt. Unser Ausflug nach Bosa ist entsprechend kurz, wir fahren gleich weiter zu unserem eigentlichen Ziel.

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Orosei

Nach einer Kaffee- und Eispause beziehen wir unser wunderschönes blaues Appartment. Die Gastgeberin ist supernett, wir haben eine angenehme Zeit hier. Die Dachterasse lädt zum verweilen ein, wir machen uns aber erst frisch. Dabei bemerken wir, dass es halt doch noch ländliches Italien ist: der Duschkopf fällt auseinander, die Steckdosen kommen aus der Wand, der Fön brennt beim ersten einschalten durch. Was man wieder loben muss: Wir melden den Schaden, 3 Minuten später steht der Hausmeister auf der Matte und repariert alles. Top Service!

Wir haben Orosei für seine Nähe zur Gola di Gorropu gewählt, denn hier gehen wir heute Wandern. Mit dem Auto wollte ich eigentlich zu einem anderen Einstieg fahren, nach genauerem Nachlesen entscheiden wir uns aber für das Hotel Gorropu, von wo aus man in 2 Stunden den schöneren Einstiegsweg wandern können soll. Und der ist tatsächlich die beste Wahl, denn so schön sind wir noch nie zuvor gewandert.

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Am Eingang der Schlucht kühlen wir unsere Füße ab und steigen dann durch das alte Flußbett. Die Steine hier sind riesige, 2-4 Meter hohe Sandsteinbrocken, die bei Nässe extrem glatt werden. Ab und zu tropft es vom Überhang der Schlucht auf den Kletterweg, wir müssen höllisch aufpassen. Am Eingang kam uns eine Familie mit einem Jungen entgegen, dessen Kopf in Bandagen gewickelt war. Ich glaube den Punkt seines Unfalls gefunden zu haben: An einigen Steinen klebt noch Blut. Der Spaß verlässt uns in der Mitte der Schlucht, kurz vor dem roten Bereich. Ab hier braucht man Seile und gute Kletterkenntnisse um noch weiter zu kommen. Wir haben genug, denn wir müssen ja auch noch 3 Stunden den Rückweg bergauf wandern.

Gerade als wir unseren anstrengenden Rückweg antreten, fängt es an in Strömen zu regnen. Wir haben natürlich keine Regensachen dabei, denn Regen war heute nicht angesagt. Immerhin ist es warmer Regen, trotzdem liegt unsere Stimmung am steinigen Boden. Um uns irgendwie zu motivieren lasse ich mir Etappen einfallen, die wir Stück für Stück überwinden (Strecke Gorropu―Hotel):

1. Steintreppe
2. Wald
3. Steinfeld
4. Rampe
5. Hobbit
6. Simpel
7. High five

Um unsere Füße gluckern die Rinnsale den steilen Weg herab, wir kraxeln angestrengt zurück zum Hotel Gorropu. Am Ende haben wir auch für den Rückweg nur 2 anstatt der erwarteten 3 Stunden gebraucht. Was für ein Tag. Wir kurven zurück nach Orosei und fallen wie tot ins Bett.

Entspannen

Wir freuen uns auf den Tag, denn außer chillen, fotografieren und essen machen wir heute gar nichts. Wie bestellt finden wir auch den Südseestrand, den wir sogut wie für uns alleine haben.

Road trippin'

Wieder blicken wir über das Lenkrad auf die Straße nach Palau, auf geht's zur Bootstour. Wasser wie im Pool, ein klassisches Boot, gutes Essen. Was will man mehr?

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Wir besichtigen am letzten Tag noch Orgosolo für seine kubistischen Wandgemälde. Der Ort ist schwer zu erreichen, man muss in die unmöglichsten Straßen einbiegen und viele Serpentinen abkurven.

Sardinien ist eine fantastische Insel. Wir haben uns den touristischen Süden gespart, aber der hat sicher auch seinen eigenen Reiz. Den Norden können wir uneingeschränkt empfehlen!